SEND HELP
Thriller / Horror / Schwarze Komödie
Regie: Sam Raimi
USA / 2025
Als zwei Kollegen – beziehungsweise eher Chef und Angestellte – als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel stranden, sind sie plötzlich gezwungen, ihre gegenseitige Abneigung für eine Weile hintenanzustellen. Doch statt Teamwork und romantischer Robinson-Crusoe-Atmosphäre entwickelt sich schnell ein nervenaufreibender Kampf um Kontrolle, Überleben und geistige Gesundheit, bei dem die Grenzen zwischen schwarzer Komödie, Thriller und Horrorfilm zunehmend verschwimmen.
Ich wusste vor dem Film exakt gar nichts. Gesehen habe ich ihn eher zufällig bei jemandem, der sagen wir mal eine nicht ganz offiziell erworbene Kopie besaß. Normalerweise endet so etwas oft mit der Erkenntnis, dass man selbst für kostenlos noch zu viel bezahlt hat. Hier war das Gegenteil der Fall. SEND HELP gehört für mich tatsächlich zu den besten Filmen des bisherigen Jahres.
Zu Beginn wirkt das Ganze noch wie eine etwas schräge Komödie. Die beiden Hauptfiguren können sich gegenseitig ungefähr so gut leiden wie ein Vegetarier und ein Schlachthofbesitzer, weshalb bereits die ersten Dialoge erstaunlich viel Spaß machen. Doch je länger die Situation auf der Insel andauert, desto unangenehmer wird die Stimmung. Nach und nach entwickelt sich aus der Komödie ein Psychothriller und schließlich beinahe ein Horrorfilm, in dem die Beteiligten alles andere als zimperlich miteinander umgehen.
Gerade solche Genre-Mischungen gehen häufig spektakulär schief. Oft weiß ein Film irgendwann selbst nicht mehr, was er eigentlich sein möchte. Sam Raimi hingegen bekommt das erstaunlich souverän hin. Der Wechsel zwischen schwarzem Humor, Spannung und gelegentlichem Wahnsinn wirkt nie gezwungen, sondern entwickelt sich vollkommen natürlich aus der Situation heraus.
Einen großen Anteil daran haben natürlich die beiden Hauptdarsteller. Allein die Wortgefechte zwischen ihnen sind bereits die halbe Miete. Rachel McAdams wurde zudem bewusst auf unscheinbar und teilweise regelrecht unattraktiv getrimmt, was Hollywood heutzutage ja beinahe schon als mutiges Experiment durchgeht.
Besonders beeindruckt hat mich allerdings die Wendung kurz vor Schluss. Die sieht man wirklich nicht kommen. Wer diesen Twist bereits eine Stunde vorher vorhersieht, hat entweder hellseherische Fähigkeiten oder nebenbei mindestens zwei Studiengänge in Wahrsagerei absolviert. Gleichzeitig fügt sich die Auflösung erstaunlich sauber in die Geschichte ein und wirkt nicht wie einer dieser billigen Schockeffekte, die nur deshalb existieren, damit man im Trailer mit „dem überraschenden Ende“ werben kann.
Auch das Finale selbst funktioniert hervorragend und rundet die Geschichte sauber ab. Gleichzeitig sorgt es leider dafür, dass eine Fortsetzung praktisch ausgeschlossen sein dürfte. Schade eigentlich, denn mit diesen Figuren hätte ich durchaus noch einen weiteren Film überstanden.
Dass Sam Raimi das noch draufhat, freut mich besonders. Nach seinen eher routiniert-schnarchigen Ausflügen ins Marvel- beziehungsweise Spinnenmann-Universum hatte ich fast den Eindruck, dass der Biss seiner früheren Werke etwas verloren gegangen wäre. Mit SEND HELP beweist der Mann jedoch eindrucksvoll das Gegenteil. Der Schöpfer von TANZ DER TEUFEL liefert hier ein überraschend frisches, schwarzhumoriges und gleichzeitig spannendes Spätwerk ab.
Fazit: Eine hervorragend funktionierende Mischung aus schwarzer Komödie, Psychothriller und Survival-Horror mit starken Darstellern, bissigen Dialogen und einer der besten Schlusswendungen des Jahres. Raimi ist inzwischen 66 Jahre alt – aber wir haben ja gelernt, dass das Leben dann erst richtig anfängt.