22 Bahnen
Drama
Regie: Mia Maariel Meyer
Deutschland / 2024
Tildas Tage sind streng durchgetaktet: studieren, an der Supermarktkasse sitzen, schwimmen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern – und an schlechten Tagen auch um ihre Mutter. Zu dritt wohnen sie im traurigsten Haus der Fröhlichstraße in einer Kleinstadt, die Tilda abgrundtief hasst. Ihre Freunde sind längst weg, leben in Amsterdam oder Berlin – nur sie ist geblieben. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen und Verantwortung tragen. Einen nennenswerten Vater gibt es nicht, und die Mutter ist alkoholabhängig.
Doch eines Tages geraten die Dinge in Bewegung: Tilda bekommt die Aussicht auf eine Promotion in Berlin, und plötzlich blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Gleichzeitig taucht Viktor auf – der große Bruder von Ivan, den Tilda fünf Jahre zuvor verloren hat. Viktor, der – genau wie sie – jeden Tag seine 22 Bahnen schwimmt. Als Tilda schon beinahe glaubt, dass sich alles zum Guten wenden könnte, gerät die Situation zu Hause endgültig außer Kontrolle.
Im Grunde genommen reduziert sich die Geschichte eigentlich auf Folgendes: Ein Mädchen hängt mit seiner kleinen Schwester in einem Kaff fest, die Mutter säuft, und dann lernt sie einen jungen Mann kennen, der in ihr merkwürdige Gefühle auslöst. Der Pressetext oben klingt da deutlich ausschweifender.
Aus dieser eigentlich simplen – fast schon unspektakulären – Ausgangssituation zimmert Regisseurin Meyer jedoch ein Drama, das erstaunlich unter die Haut geht. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil der Film mit wirklich starken Darstellern besetzt ist, die aus der minimalen Handlung das Maximum herausholen.
Jannis Niewöhner hat bei mir seit Beat ohnehin einen Stein im Brett – meiner Meinung nach die beste deutsche Serie aller Zeiten, der unverständlicherweise nie eine zweite Staffel folgte. Er könnte zwar ruhig ein paar Kilo zunehmen, spielt hier aber sehr authentisch und angenehm zurückhaltend.
Mit Luna Wedler – der die Kurzhaarfrisur übrigens hervorragend steht – steht ihm eine absolut ebenbürtige Partnerin zur Seite. Sie überzeugte bereits in dem wunderschönen Das schönste Mädchen der Welt, der übrigens längst nicht so kitschig ist, wie der Titel vermuten lässt.
Das Zusammenspiel der beiden ist nuanciert und sehr präzise gespielt. Ergänzt wird das Ganze von der jungen Zoe Baier, die die kleine Schwester Ida ebenfalls äußerst überzeugend verkörpert – und damit ist schon die halbe Miete eingefahren.
Dazu kommt ein sehr stimmiger Soundtrack, der größtenteils elektronisch gehalten ist und zwischendurch mit Independent-Stücken aufgewertet wird. So ist beispielsweise auch die Band The National mit einem Song vertreten.
Natürlich wird jetzt wieder überall darüber diskutiert, dass das Buch viel ausführlicher und intensiver sei. Ich habe die Vorlage nicht gelesen, aber bei einem Film – selbst bei ordentlicher Laufzeit – muss eben immer einiges weichen. Laut Bonusmaterial scheint die Autorin mit der Umsetzung allerdings durchaus zufrieden zu sein.
Fazit: bestes deutsches Drama-Kino, weit entfernt von den üblichen Til-Schweiger-Wohlfühlkomödien. Dank exzellenter Besetzung funktioniert der Film hervorragend und gleicht kleinere Schwächen in der Story problemlos aus.